Teil 2 unseres Expertendialogs mit Dr. Nicole Strüber & Dr. Eva Brandt
Viele Unternehmen befinden sich heute nicht mehr in einzelnen Veränderungsphasen, sondern in einem Zustand permanenter Anpassung. Neue Technologien, hybride Zusammenarbeit, steigender Innovationsdruck, kulturelle Veränderungen, Fachkräftemangel und zunehmende Unsicherheit verändern nicht nur Organisationen, sondern vor allem die psychologischen Anforderungen an Menschen.
Dr. Eva Brandt: In meiner Arbeit mit Führungskräften beobachte ich immer wieder eine entscheidende Dynamik: Unternehmen planen einerseits Transformationen meist hoch professionell auf strategischer und struktureller Ebene. Andererseits wird gleichzeitig unterschätzt, dass die Transformation nicht nur in Prozessen stattfindet, sondern ebenso im Menschen selbst. Genau an dieser Schnittstelle entstehen häufig die größten Reibungsverluste da beispielsweise:
- Entscheidungen immer wieder hinterfragt werden
- Veränderungsprozesse an Geschwindigkeit verlieren
- Konflikte zu nehmen
- Verantwortung nur zögerlich übernommen wird
In der Folge wirken Teams nach außen funktional, sind innerlich jedoch zunehmend erschöpft. Kritisch ist dabei, dass dieses Verhalten von außen häufig als mangelnde Motivation oder fehlende Veränderungsbereitschaft interpretiert wird. Innerlich laufen jedoch oft andere Prozesse ab:
- Vorhersehbarkeit nimmt ab
- Unsicherheit nimmt zu
- mentale Überlastung
- bedrohte psychologische Grundbedürfnisse
- Angst vor Kontrollverlust
- soziale Verunsicherung
Klassische Change-Kommunikation reicht deshalb nicht aus. Führung muss verstehen, unter welchen inneren Bedingungen Menschen überhaupt offen, kooperationsfähig und psychologisch anschlussfähig für Veränderung bleiben.
Oft jedoch wird der Veränderungsprozess gemanaged wie die technische Installation eines Betriebssystems. Das kann nicht funktionieren! Veränderung wird nicht einfach umgesetzt. Veränderung wird innerlich bewertet.
Nicole, du beschäftigst dich seit vielen Jahren mit neurobiologischen und psychologischen Verarbeitungsprozessen. Warum unterschätzen Organisationen deiner Ansicht nach bis heute so häufig, wie tiefgreifend Veränderung innerlich verarbeitet wird?
Dr. Nicole Strüber: Organisationen neigen dazu, sich auf das Sichtbare zu fokussieren und dieses steuern zu wollen. Das Entscheidende geschieht jedoch im Inneren der Menschen: weitgehend unbewusst bewerten Menschen eine anstehende Veränderung danach, ob die Situation unter den gegebenen Bedingungen noch als handhabbar, vorhersehbar und sicher genug erlebt wird oder ob sie zu Verunsicherung führt. Solche Bewertungen beeinflussen, ob Menschen offen, flexibel und kooperationsfähig bleiben oder ob sie sich eher absichern, zurückziehen oder an Vertrautem festhalten. Eine große Rolle spielt dabei häufig auch die soziale Sicherheit. Verliere ich Zugehörigkeit, Status oder Einfluss? Bleibt mein Beitrag bedeutsam? Wenn diese Ebene mit verunsichert wird, reagieren Menschen oft besonders sensibel.
Verunsicherung geht oft mit einer Aktivierung des Stresssystems einher. Das wiederum verändert die Art der Verarbeitung. Gerade Funktionen, die wir in Veränderungsprozessen dringend brauchen, können unter akutem oder chronischem Stress beeinträchtigt werden. Menschen versuchen, innere Stabilität aufrechtzuerhalten, sind sich ihrer Verunsicherung und ihrer Beweggründe jedoch oft gar nicht bewusst. Genau diese innere Bewertung bleibt in Organisationen oft unsichtbar.
Wenn Organisationen zu stark auf Prozesse, Entscheidungen, Kommunikation und Verhalten schauen, und zu wenig auf die Bedingungen, unter denen Menschen Veränderungen überhaupt verarbeiten, dann bleibt das Wesentliche verborgen. Genau davon hängt aber ab, ob jemand offen bleibt, kooperiert und weiterhin Verantwortung trägt und genau deshalb ist Veränderung eine psychologische und neurobiologische Herausforderung.
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